|
Wie alles begann und seinen Lauf nahm... Als Kind war ich sehr lebendig und konnte kaum still stehen. So auch nicht, als meine Mutter mit mir das Muki-Turnen besuchte. Mir war es da irgendwie einfach zu langweilig. Mein älterer Bruder Martin durfte in einen richtigen Turnverein gehen. Und da wollte ich dann unbedingt auch hin. So landete ich - damals in Adlikon/ZH wohnhaft - im Turnverein Watt, wo mich Klemens Zeller sozusagen "entdeckte". Wobei, so richtig beweisen konnte ich mein turnerisches Talent anfangs nicht; beim ersten Wettkampf in der Einführungsklasse wurde ich gleich einmal Letzter. Rang 98 von 98, damit gewinnt man selbst auf der untersten Stufe des Kunstturnens keinen Kranz. Reckhandschuhe an den Nagel gehängt Doch durch das Training kam die Routine. Ich verbesserte mich von Tag zu Tag und durfte bald schon im Trainingszentrum Zürich mittrainieren. Ich war damals jedoch kaum in der ersten Schulklasse und somit überfordert mit dem beinharten Training unter russischer Führung. Schliesslich wollte ich die Reckhandschuhe an den Nagel hängen, bevor erste wirkliche Erfolge eintraten. In der Folge zogen wir mit der Familie von Adlikon nach Würenlos in den Kanton Aargau. Dort hatte ich erst einmal eine Weile lang nichts mehr mit dem Kunstturnen am Hut. Lediglich im Garten turnte ich noch ab und zu herum. Unser Nachbar Rolf Morf nahm mich aufgrund meiner Wiesen-Akrobatik eines Tages mit in die Kunstturnerriege Neuenhof. Die entscheidende Wende Dort wurde ich der Gruppe von Sepp Thomann zugeteilt. Sepp hat mich aufgebaut und so gefördert, wie ich dies in diesem Alter brauchte und gleichfalls gut verkraften konnte. Er war verantwortlich, dass sich innerlich bei mir Ehrgeiz aufbaute und ich anfing, hart an mir zu arbeiten. Wenn Sepp nicht gewesen wäre, hätte ich es nie dorthin geschafft, wo ich jetzt stehe! In meiner Trainingsgruppe waren mit Roland Häuptli und Markus Setz zwei junge Turner an denen ich mich auch gut messen konnte. Ich machte es somit zu meinem ersten Ziel, die Führung innerhalb der Trainingsgruppe zu übernehmen, was mir irgendwann auch gelingen sollte. Im Alter von 11 Jahren stand ich 1996 dann zum ersten Mal zuoberst auf einem Podest an einem kantonalen Turnier. Mit diesem Sieg ging alles so richtig los... „Mitmachen oder nicht kommen“ Als in Niederlenz eine richtige Kunstturner-Halle mit fix eingerichteten Geräten eröffnet wurde, durfte unsere Gruppe dorthin übersiedeln. Die Besten wurden Gerhard Falkenstein, einem Trainer aus der ehemaligen DDR, zugeteilt. Er lehrte uns, was es alles braucht, um im Kunstturnen zu reüssieren und um ganz nach oben bis in die Nationalmannschaft zu kommen. Das war natürlich einiges! Gerhard hat uns aber das Gefühl gegeben, dass es jeder von uns in die Schweizer Nati schaffen kann und auch schaffen wird unter seiner Führung. Und so war es! Durch Härte stark geworden Das Training unter Gerhard war hart, sehr hart! Ich hielt lange den Rekord im Dauertraining. Bei Gerhard hiess es immerzu: "Bleiben und mitmachen, was zu tun ist oder gar nicht erst kommen." Da hattest du keine Wahl und hast automatisch gelernt, durchzubeissen und in jedem einzelnen Training über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Diese neu erlernten Fähigkeiten sollten mir später zugute kommen. Der grosse Durchbruch Je härter das Training wurde, desto grössere Erfolge traten ein. Nachdem ich bei meiner ersten Schweizer Juniorenmeisterschaft (SJM) im P2 noch nicht über Rang 31 hinausgekommen war, stand ich 1999 im Alter von zarten 14 Jahren im P5, der zweithöchsten Programmklasse, erstmals bei einer SJM auf dem Podest; und das sogleich als Sieger am Barren. Ein Jahr später durfte ich mich als Junioren-Schweizermeister in der Programmklasse 6 im Mehrkampf, am Boden und am Barren feiern lassen. In der Folge ging alles sehr schnell... Neu im Schweizer Dress Im selben Jahr 2000 noch folgte die Qualifikation für die Junioren-EM in Bremen (De). Rang 15 im Mehrkampf war ein toller Erfolg für mich als erst 15-jähriger. In der zweiten Saisonhälfte konnte ich die SJM-Titel aus dem Vorjahr verteidigen und zudem auch gleich noch das Reck für mich entscheiden. Hinzu kamen Podestplätze an verschiedenen U16- und U18-Länderkämpfen. Sensation in Patras 2002 schliesslich folgte ein Glanzpunkt, den ich immer als eine Art Sensation in Erinnerung behalten werde: Team-Silber und damit der Vize-Europameistertitel an der Junioren EM in Patras (Grie) für die Schweiz, hinter Russland und vor Deutschland. Wer hätte das für möglich gehalten... Doch gemeinsam mit Patrick Dominguez, Mark Ramseier, Roman Gisi und Roland Häuptli turnte ich den Junioren-Wettkampf meines Lebens. Tiefer Fall... Nach dem Jubel war der Fall umso tiefer, als ich im Mehrkampffinale, welches ich als Qualifikations-Vierter mit Medaillenhoffnungen angetreten war, bereits nach dem ersten Gerät verletzt ausschied. Ich beendete zwar die Übung am Boden, musste dann aber vom Podium getragen werden und die Heimreise schliesslich mit einem gebrochenem linken Bein und verletzten rechter Fuss (Bänderrisse) antreten. Das war ein erster ganz grosser Rückschlag in meiner damals noch so jungen Karriere. Mit dem Rückschlag kam aber sogleich ein Neubeginn. Übersiedlung nach Magglingen Im August 2002 übersiedelte ich nach Magglingen, wo ich seither gemeinsam mit der gesamten Schweizer Männer Nationalmannschaft im Schachenmannhaus wohne und 26 – 30 Stunden pro Woche im Nationalen Trainingszentrum – erst unter Peter Kotzurek (De) und heute unter Sandor Kiraly (Ung) – trainiere. Umziehen nach Magglingen hiess akklimatisieren an einen neuen Trainer, einen neuen Wohnort und eine neue Schule (10. Schuljahr, gefolgt von der Handelsschule und dem Handelsdiplom in Biel). All dies hatte einen völlig neuen Tagesablauf zur Folge: Aufstehen um 6 Uhr, Fahrt per FUNI nach Biel, 2 Stunden Schule, Fahrt per FUNI nach Magglingen, 2 Stunden Training, Mittagessen in der BASPO-Kantine, Fahrt nach Biel, 2 weitere Stunden Schule, Fahrt nach Magglingen, 2 bis 3 weitere Stunden Training, Gang zum Schachenmannhaus, Abendessen in der WG, Hausaufgaben, Sauna, Schlafen... und alles von Neuem. Mit nur einem freien Tag, dem Sonntag... Jüngster Schweizermeister aller Zeiten Noch mit Schrauben in den Füssen war ich nach einer Phase der grossen Umgewöhnung bereits Ende 2002 auch turntechnisch wieder im Geschäft. Es folgten im Jahre 2003 wunderschöne Momente. Allem voran der erste Swiss Cup-Start mit Melanie Marti und der Titel des „Jüngsten Schweizermeisters aller Zeiten“ dank dem Mehrkampf-Sieg bei der Elite im P6. Aber auch schwierige Phasen prägten das Sportjahr 2003. So vermochten wir uns nach guten Ansätzen an meiner ersten persönlichen WM in Anaheim (USA) knapp nicht mit dem ganzen Team für die Olympischen Spiele in Athen zu qualifizieren. Dafür stehen bei mir heute andere Glanzmomente im Jahrbuch 2004: Rang 7 im Mehrkampf an der EM in Ljubliana (Slo). Die Nummer 13 der Welt 2005 erfreute ich mich nach hartnäckigen Handgelenksproblemen einem Finalplatz am Barren bei meinem ersten Weltcupstart in Ghent (Bel). Ebenso wie am erneuten Schweizermeistertitel im Mehrkampf und am Team SM-Titel mit Aargau 1. Speziell eindrücklich waren aber insbesondere jene Momente in der Saalsporthalle, welche als letzte an diesem legendären Ort in die Geschichte des traditionellen Swiss Cup eingingen. Gemeinsam mit der französischen Starturnerin Isabelle Severino schaffte ich es ins Finale der Top 4. Das war ein grandioses Gefühl! Rund einen Monat später kam zudem Rang 13 im Mehrkampf an der WM im fernen Melbourne (Aus) dazu. Dass ich damit die beste Schweizer Klassierung aller Zeiten in einem WM-Sechskampf schaffte, macht mich speziell stolz. Eine besondere Auszeichnung Dasselbe gilt für die Auszeichnung, welche mir anfangs 2006 verliehen wurde. Nach zwei Monaten Suspendierung von der Schweizer Nationalmannschaft war der Titel des „Aargauer Sportlers des Jahres 2005“ wie Balsam auf die Seele. Eine innere Genugtuung war auch, durch den Zwischenfall keine grosse Meisterschaft verloren zu haben; bereits an der EM 2006 in Volos (Grie) war ich wieder am Start. Da diese Meisterschaft als Teamwettkampf ausgetragen wurde, konnte ich jedoch meine Stärke, den Mehrkampf, nicht ausspielen. Höhepunkt auf Höhepunkt Doch 2006 fanden noch viele weitere bedeutende Kräftemessen statt, welche allesamt Glücksgefühle mit sich brachten. Mit dem 3. Mehrkampftitel an Schweizermeisterschaften der Elite (innert vier Elite-Jahren) mit 21 Jahren hingen 15 Goldmedaillen von Schweizermeisterschaften (der Kategorie P6) bei mir zu Hause an der Wand. An der WM in Aarhus (Dän) folgte nach Patras 2002 zudem ein zweites ganz grosses Teamerlebnis: Wir schafften als Qualifikations-Siebte den grossen Sprung ins Finale der Top 8 der Welt und konnten uns somit für Peking 2008 empfehlen. Paukenschlag am Swiss Cup Das sportliche Jahr 2006 endete für mich mit einem weiteren Paukenschlag im November: An der Seite von Ariella Käslin durfte ich für die Schweiz an der Premiere des Swiss Cup im Hallenstadion vor 5500 lautstarken Zuschauern in die grösste Schweizer Sporthalle einlaufen. Was für ein Gefühl! Die Menge tobte und sorgte für Laola von Beginn weg. Ich werde diesen Wettkampftag nie vergessen! Ich war überwältigt vom Beifall, der uns vom Publikum entgegen gebracht wurde.Wir holten alles, was ging, aus uns heraus. Das sollte für Rang 3 und den erstmaligen Podestplatz eines reinen Schweizer Paares am Swiss Cup reichen. Wir waren beide sehr glücklich! Harziger Start ins 2007 Ganz so, wie das Jahr 2006 endete, ging es im Jahre 2007 leider nicht weiter. Die alten Handgelenksorgen waren noch immer nicht verflogen und machten mir Probleme beim Aufbau von neuen Elementen und Übungen. Hinzu kam ein ärgerlicher Bänderriss am Fuss. Und das nur kurz vor dem Tag vor der Abreise an den Weltcup nach Cottbus (De), respektive direkt nach dem gelungenen Saisoneinstand mit zwei neunten Plätzen am Weltcup in Paris-Bercy (Fra). Doch ich hatte mir für den zweiten Weltcup der Saison zu hohe Ziele gesetzt, um ihn sausen zu lassen. Ich startete trotz des lädierten Fusses in Deutschland und konnte dort mit dem Finaleinzug und Rang 6 am Barren mein bislang bestes Weltcupergebnis feiern. Wieder keine Olympischen Spiele mit dem Team Eine Woche Auszeit am Meer tat nach einer harten EM in Amsterdam (Ho) Körper und Seele sehr gut. Direkt nach den ersten richtigen Ferien seit Jahren begann ein nächster Aufbau. Dieses Mal hiess das Ziel WM und Olympiaqualifikation in Stuttgart. Ich konnte mein Bestes beitragen und im Moment X eine Topleistung abrufen. Leider reichte es und doch nicht für die Teamqualifikation. Rang 14 war - genau wie vor 4 Jahren in Anaheim - 2 Ränge zu wenig. Zudem konnte ich nicht im Mehrkampf antreten und somit aus meinen fünf guten Noten für das Schweizer Gesamtbild nichts machen. Die Enttäuschung war riesig und sass lange tief. Schnell einmal rückten aber wiederum neue Ziele in den Fokus. An den Schweizer-Einzelmeisterschaften scheiterte ich an der Titelverteidigung zwar knapp und holte Silber, mit der Mannschaft Aargau reichte es dann aber doch noch für Gold. Zwei Riesenerlebnisse im Hallenstadion Nach vielen Aufs und Abs in der zweiten Saisonhälfte gaben mir zwei Events der Superlative neuen Aufwind. Zum einen durfte ich gemeinsam mit Ariella Kaeslin und Donghua Li als weitere Vertreter des Schweizer Turnens vor sage und schreibe 12'000 johlenden Fans beim Super10Kampf der Schweizer Sporthilfe ins Hallenstadion einlaufen. Im Team von Schwingerkönig Jörg Abderhalden wurde ich im Final eingesetzt. Sowohl der Event als solches als auch die nicht enden wollende Autogrammstunde zusammen mit dem Toggenburger Sportstar war ein grossartiges und bestens in Erinnerung bleibendes Erlebnis. Dasselbe gilt für den zweiten SWISS CUP im Hallenstadion an der Seite von Ariella Kaeslin. Leider schafften wir es aufgrund winziger 15 Hundertstelpunkten nicht in den Final und wurden - nach Bronze im Vorjahr - 2007 lediglich Fünfte, doch der Fanansturm nach dem Wettkampf zeigte uns, dass das Publikum hinter uns stand und dies ist vielleicht nicht wichtiger, aber schöner als jede Medaille. Erneut ein psychisch hartes Jahr Trotz gutem Start ins 2008 mit Topleistungen an Länderkämpfen, in internen Qualifikation und nicht zuletzt an den Europameisterschaften vor Heimpublikum in Lausanne wurde das vergangene Jahr erneut zu einem sehr harten für mich... Wiederum wurde ich nicht für die Olympischen Spiele berücksichtigt. Genauso wie 2004 musste ich passen und fiel aufgrund des internen Nominationssystems durch die Maschen. Ein harter Schlag! Es folgte ein schwieriger Sommer. Einmal Olympische Spiele als amtierender Schweizer Mehrkampfmeister zu verpassen ist hart genug, ein zweites Mal - erneut in Topform - war für mich unverständlich. Es brauchte viel an Unterstützung von meinem privaten Umfeld, um mich aus diesem Tief heraus und wieder zurückzukämpfen. Lange war ich mir im Unklaren, wie und ob überhaupt ich unter diesen Umständen meine Karriere weiterführen soll. Bevor ich so richtig einen Entschluss fassen konnte, folgten aber schon die nächsten sportlichen Höhepunkte. Und dabei wurde mir klar: Ich habe meinen Leistungszenit noch lange nicht erreicht und werde weiterkämpfen... bis zum ganz grossen internationalen Erfolg! Entschädigungen noch und noch... Einen ersten Lohn für die harte Arbeit im Sommer und Spätsommer bekam ich in der zweiten Wettkampfhälfte. Ich war mir noch nie so sicher, den Mehrkampfmeistertitel an Schweizermeisterschaften zu holen wie 2008, nach dem Tief in der ersten Jahreshälfte. Zwei Punkte Vorsprung waren es am Ende - und der 4te Mehrkampfmeistertitel in meiner Karriere. Damit bin ich auf Rang 3 in der ewigen Bestenliste der Schweiz vorgerückt, was für eine Genugtuung! Am Sonntag konnte ich in all meinen fünf Gerätefinals erneut Höchstleistungen abrufen, wodurch noch einige Medaillen dazukamen. Am Wochenende darauf sollte es noch Gold im Team mit Aargau geben, danach zählten einzig noch die Topevents im Zürcher Hallenstadion an der Seite von Ariella: Super10Kampf und Swiss Cup. Wow!! Mit Ralph Krüger, Christina Surer und Rahel Bosshard stand ich als Gruppe Grün vor 12'000 lautstarken Fans im Grande Finale des ersten Super10Kampfes auf Eis und zwei Tage später erneut mit Ariella Kaeslin vor rund 6000 Zuschauern am Swiss Cup 2008. Schauplatz-Verlagerung nach Deutschland Damit war aber 2008 noch nicht genug... Der Schauplatz verlagerte sich einfach nach Deutschland, wo ich Mitte November am DTB-Pokal antrete und zudem einer ganz besonderen Einladung nachkomme. Als einer von 8 Turnern bin ich für die erste Champions Trophy in Stuttgart eingeladen worden. Ich bin gespannt auf diesen Mehrkampf-Showwettkampf, an welchem mein Trainingsfreund Fabian Hambüchen im Mittelpunkt des Geschehens stehen wird...
|